Bauen, Grüne Infrastruktur & Zukunftsgerechte Mobilität: so kann Barker Areal innovativster Stadtteil Europas werden! pro grün e.V. Paderborn bringt sich ein in den Planungsprozess „BARKER QUARTIER“

Mit einem Offenen Brief an den Bürgermeister der Stadt Paderborn, nachrichtlich an die Ratsfraktionen und die drei Planungsbüros, stellt pro grün die zentrale Forderung, den Klima- und Ressourcenschutz in den Mittelpunkt der Planungen zu stellen. Nur so könnten die Weichen im Modellgebiet des Konversionsquartiers der ehemaligen Barker Barracks in Richtung Zukunft gestellt werden, so die Unterzeichner Dieter Dubisch, Matthias Reiche und Fritz Buhr im Namen von pro grün.

Im Themenbereich Grün- und Freiflächenplanung stellt pro grün die Bedeutung von gut gestalteten grün-blauen Freiräumen und Grünelementen für Lebensqualität und Widerstandskraft gegenüber Klimaeinflüssen heraus. Naturnah bepflanzte Grünzüge, fordert Matthias Reiche, sollten das Quartier gliedern, Sauerstoff und Schatten spenden und Raum geben für quartiernahe Erholung und vielfältige Begegnung und Nutzung.

Die Grünachsen sollten an die benachbarten Quartiere und Grünzüge gut angebunden sein und in Richtung City einen kreuzungs- und gefahrenfreien Übergang über den Berliner Ring finden. Unterstützt würde von pro grün auch der Vorschlag des Büros Cityförster für einen neuen zentralen Stadtpark in dem Quartier, während der Vorschlag des Büros Adept, eine größere Grünfläche an den Ostrand des Quartiers zu verlagern, nach Auffassung von pro grün keinen großen Mehrwert böte und daher abgelehnt würde.

Ohne eine Bauwende gibt es es keine Klimawende, deshalb erneuert pro grün seine Forderungen im zentralen zweiten Themenbereich Bau nach

  • Verwendung von Holz als „Baustoff des 21. Jahrhunderts“ für alle neu zu errichtenden Gebäude
  • Erreichung des Passivhaus-Plus Standards
  • klimagerechter Sanierung der erhaltenswerten Bausubstanz.

Nachhaltig produziertes Holz kann den klimaschädlichen Baustoff Zement, dessen Produktion weltweit mit 8 % zum CO2 -Ausstoß beiträgt zumindest zu großen Teilen ersetzen. pro grün kann sich gut vorstellen, so Fritz Buhr, dass sich am Rande des Areals moderne Holzbetriebe mit Sägewerk, Zimmerei-Gewerbe und Schreinereien ansiedeln könnten um das Borkenkäferholz der Region vor Ort zu verarbeiten statt es nach China zu exportieren. Städte könnten zu „gebauten Wäldern“ und damit zu Kohlenstoffsenken werden, sagt der Gründer des Potsdam-Instituts Hans-Joachim Schellnhuber.

Das Zukunftsquartier „Barker“ sollte zu einem „Holzbau-Leuchtturmprojekt“ von überregionaler Bedeutung entwickelt werden.

„Wenn wir wissen, dass der Gebäudesektor mit 40 % zu den jährlich anfallenden Treibhausgasen beiträgt, kann das Ziel einer klimaneutralen Stadt Paderborn nur mit klimaneutralen Baustandards sowohl bei Neubau wie auch bei Sanierung des Bestandes erreicht werden“ erklärt Dieter Dubisch. pro grün fordere daher für alle Neubauten den „Passivhaus-Standard Plus“, für Altbausanierungen einen etwas geringeren Standard, den „Passivhaus-Standard EnerPHIT“ oder „EnerPHIT+“.

Begrüßt wird die Forderung aller drei Planungsbüros, Bestandsgebäude wie die Mannschaftsquartiere weitestgehend zu erhalten. Die in den Gebäuden steckende „graue Energie“ soll aus Klimaschutzgründen unbedingt weiter genutzt und nicht erneut erzeugt werden.

Was das Versickern des Regenwassers vor Ort und die Nutzung des Brauchwassers von Bad, Spül- und Waschmaschine betrifft, seien sich die Planungsbüros wohl einig, dass dies bei den veränderten Niederschlagsereignissen Stand der Technik sein werde, wenn sie davon sprächen, das Wasser im Kreislauf zu halten. Bei Alanbrooke hatte pro grün diese Forderung leider zu spät eingebracht.

Gestaltung der Mobilität als wichtiger Beitrag zum Klimaschutz und zur Lebensqualität im Quartier

Nebst dem Gebäudesektor geht von der Gestaltung der Mobilität ein gewichtiger Beitrag zum Klimaschutz und zur Lebensqualität im Quartier aus. Im Mittelpunkt steht dabei die Forderung nach einem autofreien Quartier. Verkehrspolitik soll vom schwächsten Verkehrsteilnehmer her gedacht werden, fordert Eckhardt Kohle von der Initiative für Radfahrer, emissionsfreie Mobilität muss gefördert werden und damit wird der Verzicht auf das private Auto für alle ein Gewinn.

Maßnahmen an der Peripherie, die das ermöglichten, wären auch für die benachbarten Stadtviertel von Vorteil. Fußgänger, Radfahrer und der ÖPNV bekämen Vorrang vor dem motorisiertenIndividualverkehr mit positiven Folgen für die gesamte Lebensqualität im Quartier. Auch Einzelhandel und die gewerbliche Wirtschaft würden von Lastenfahrrädern an Stelle von LKW-Zulieferung deutlich profitieren. Die Verbindung zur Umgebung, bes. zum Stadtzentrum, mittels Radschnellwegen und gut ausgebautem ÖPNV wäre vorbildhaft für ganz Paderborn und darüber hinaus ein Aushängeschild getreu dem Anspruch für das gesamte Areal, der innovativste Stadtteil Europas zu werden.

Pressemitteilung und offener Brief, 22.04.2021

Dieter Dubisch, Mathias Reiche, Fritz Buhr für pro grün e.V. Paderborn


 

Pro Grün begrüßt, dass das Konversionsquartier Barker in einem innovativen partizipatorischen Prozess unter Einbeziehung in- und ausländischer Stadtplanungsexpertise entwickelt werden soll. In dem Modellquartier, das nach dem „Stadtversprechen Paderborns“ zukunftsfähige urbane Qualitäten besitzen und Antworten auf drängende Zukunftsfragen geben soll, müssen nach Auffassung von Pro Grün Klima- und Ressourcenschutzfragen die zentrale Rolle spielen. Nur auf diese Weise können die Weichen auf dem Areal in Richtung Zukunft gestellt werden, meinen die Unterzeichner für den Umweltschutzverein.

Pro Grün möchte sich daher mit den drei wichtigen umweltpolitischen Themenblöcken

BAUEN  |  GRÜNE INFRASTRUKTUR   |  ZUKUNFTSGERECHTE MOBILITÄT

in die Diskussion und den Planungsprozess zum Barker Quartier einbringen. Pro grün steht zu allen drei Themen für einen detaillierten Diskurs bereit und erwartet, dass Fragen der Nachhaltigkeit, des Klimaschutzes und der Klimaanpassung im weiteren Planungsprozess nicht nur intensiv diskutiert, sondern am Ende durch gemeinsam entwickelte Konzepte konkretisiert und umgesetzt werden.

Nachfolgend die pro Grün Anregungen/Forderung zum Barker Areal im Einzelnen:

  1. Grün- und Freiflächenplanung

Das Stadtgebiet von Paderborn ist durch Bevölkerungswachstum, erheblichen Flächenverbrauch bei begrenzten Ressourcen und zunehmende Auswirkungen des Klimawandels verstärktem Druck ausgesetzt. Diesen Herausforderungen muss entgegengewirkt werden, damit Städte auch in Zukunft gesunde und nachhaltige Lebensumgebungen bieten können, betont auch die Weltgesundheitsorganisation in einem Bericht 2017. Allerdings zeigen anhaltend massive Eingriffe in die Grünsubstanz der Stadt, z.B. durch extreme Nachverdichtungen, durch fehlende Baumschutzsatzung und Eingriffe in die Wallanlagen, dass dem gesellschaftlichen Wert von grüner Infrastruktur in Paderborn immer noch keine adäquate Beachtung beigemessen wird.

Überlegungen zu einer wirkungsvollen grün-blauen Infrastruktur müssen daher nach Auffassung von pro grün im Zentrum der Planungsüberlegungen für dieses neue Stadtquartier stehen. Pro Grün begrüßt, dass alle drei Planungsbüros in ihren Testplanungsentwürfen, wenn auch in sehr unterschiedlicher Qualität und Aussage, die Bedeutung von Freiräumen im Barker Quartier hervorheben. pro grün stellt klar: Die von allen Planungsbeteiligten geforderte hohe Lebensqualität und Resilienz gegenüber Klimaeinflüssen kann sich im Barker Quartier nur durch qualitativ gut gestaltete grün-blaue Freiräume und Grünelemente entwickeln. Digitale Techniken können hierbei unterstützen, z.B. bei der Regenwasserspeicherung und -nutzung, oder der Dach- und Fassadengrünbewässerung.

Ziel einer grün-blauen Freiraumplanung im Barker-Quartier sollte sein:

  • die Qualität des Stadtlebens zu erhöhen
  • Umweltgefahren wie Luftverschmutzung oder Lärmbelastung zu verringern
  • die negativen Auswirkungen extremer Wetterereignisse (Hitzewellen, Starkregen oder Hochwasser) abzuschwächen
  • Bewohnern innerhalb, aber auch außerhalb des Quartiers, ausreichende Möglichkeiten zu bieten, in Kontakt mit der Natur zu treten
  • die Biodiversität im Gebiet zu erhalten, zu schützen und zu fördern
  • die Gesundheit und das Wohlbefinden der Bewohner durch motorfreie Grünzonen zu verbessern

Auch wenn noch kein Freiraumplan mit detaillierteren Aussagen zur Freiraumgestaltung vorgelegt wurde, so zeigen zumindest die Entwürfe der Büros „Karres en Brands“ und „Cityförster“ die bewusste Auseinandersetzung mit der Klimaanpassung und der Integration von Natur in den städtischen Alltag. Grüner Freiraum gehört in das Quartier, nicht an dessen Randbereich! Pro Grün spricht sich daher dafür aus, klimawirksame, naturwirksame, multifunktionale Grünzüge und Grünelemente in das Quartier hinein zu bringen, und nicht auf den Randbereich zu konzentrieren.

Den Vorschlag des Büros Adept, ausschließlich eine neue größere Grünfläche außen an den Springbach-Grünzug anzugliedern, lehnt pro grün ab. Die grün-blauen Freiräume des Quartiers sind mehr als grüne Kulisse, sie sind zentrales Element zur Verbesserung der Lebens- und Aufenthaltsqualität der Bewohner und Nutzer des Barker-Quartiers. Pro grün unterstützt daher die Vorschläge der Büros Karres en Brands und Cityförster, das Quartier und dessen Bebauung durch erlebbare Grünzüge unterschiedlicher Größe, Funktion und Qualität zu gliedern.

Im Zuge einer Kreislaufwirtschaft sollte Regenwasser in den Grünzügen gesammelt und auf der Fläche wiederverwendet werden. Angrenzende Bäche, z.B. der Springbach und Bach am Philosophenweg bieten die Möglichkeit, auch auf der Barker-Fläche kleine Fließgewässer zu aktivieren und anzuschließen. Die genaue Lage und Größe der Grünzüge sollte anhand der vorhandenen Topografie, der Funktionen im und für das Quartier und der Anschlussmöglichkeiten an die Randbereiche des Quartiers ausgestaltet werden.

Besondere Bedeutung, vor allem auch zur Nutzung für den nicht motorisierten Verkehr, hat der Ausbau von mindestens 2 leistungsfähigen Grünzügen mit Anschlüssen in Richtung City, z.B. über den Piepenturmweg und Philosophenweg. Dazu fordert pro grün an mindestens zwei Stellen einen gefahrenfreien, kreuzungsfreien Übergang über den Berliner Ring, von denen mindestens einer als Grünbrücke gestaltet werden sollte. Auch der Vorschlag, die neue Bahnstation über einen Grünzug mit dem Zentrum des Quartiers zu verbinden wird von pro grün begrüßt.

Wichtig für ein vernetztes Freiraumsystem im Barker-Quartier ist auch der Verbund mit den östlich angrenzenden Landschaftsräumen. Hier sollte nach den Richtlinien der Bundesanstalt für Naturschutz neben einer besonders naturnahen Gestaltung auch urbaner Wildnis Raum gegeben werden, um Naturerfahrungen zu ermöglichen und Lebensraum und Biotopverbund für gefährdete Arten zu fördern.

Um eine echte Klimaschutzfunktion für das Quartier zu erreichen, fordert pro grün, die vorhandenen Bäume auf dem Areal zu erhalten und die Grün- und Freiflächen durch intensive Anpflanzung klimaresilienter Baumarten zu ergänzen. Dabei sollte vor allem für die cityorientierten Achsen eine genügende Breite zur Frischluftabfuhr eingehalten werden.

Große Bedeutung hat auch eine wirksame Freiraumgestaltung innerhalb der bebauten Komplexe. Hier fordert PRO GRÜN, zwischen der Bebauung Raum zu lassen für wohnungsnahe Bewegung auf kleinen Grünflächen, für schattenspendende Baumbepflanzung, z.B. als „tiny forests“, und für vertikales Grün, das eine enge Verbindung schafft zwischen Architektur und Natur und für ein gutes Mikroklima sorgt. Vertikales Grün sollte hier verbunden werden mit Dachbegrünung, orientiert z.B. am Dachbegrünungsprogramm der Stadt Hamburg.

pro grün unterstützt den mutigen Vorschlag des Büros Cityförster für den Ausbau eines „Central Parks“ im Zentrum des Quartiers. Eine zentrale Parkanlage dieser Größe, verbunden durch Grünachsen mit den Randbereichen und geplanten Infrastruktureinrichtungen, würde nicht nur einen echten Mehrwert für die Bewohner des Quartiers bieten, sondern auch einen Anziehungspunkt für die angrenzenden Wohnbereiche darstellen. Die Parkfläche wäre, soweit sie vielfältig und in weiten Teilen naturnah gestaltet, bepflanzt und ggf. auch mit Wasserflächen ausgestattet wird, ein wirkungsvoller „Frischluftgenerator“, und ein attraktiver Begegnungs- und Nachbarschaftsraum, in dem vielfältige Nutzungen z.B. Nachbarschaftsgärten, Sport- und Kulturerlebnisse, denkbar wären.

Schließlich bietet eine zentrale Grünfläche dieser Größenordnung die Option, Flexibilität in der Planung und Gestaltung zu wahren und damit die Möglichkeit zu behalten, ggf. Funktionskorrekturen und Anpassungen an geänderte Bedarfe vorzunehmen. Pro Grün ist der Auffassung, dass die Möglichkeit, hier auf signifikanter Fläche eine enge Verbindung von grünen Aufenthalts-, Erholungs- und Erlebnisbereichen für den Menschen zu schaffen, die gleichzeitig einen unverzichtbaren Beitrag für den Klima- und Naturschutz leistet, nicht versäumt werden sollte. Der Vorschlag sollte daher in die Gesamtplanung übernommen und weiter ausgearbeitet werden.

Angesichts der prognostizierten langen Umsetzungszeiträume von mehr als 20 Jahren für die Gestaltung des Quartiers erscheint es für Pro Grün umso wichtiger, dass eine Grüne Infrastruktur- und Freiflächenplanung frühzeitig erstellt und in die Grundzüge der Gesamtplanung eingearbeitet wird. Nur auf diese Weise ist gewährleistet, dass die strukturbildenden Grünzüge und grün-blaue Freiräume im Barker Quartier frühzeitig festgelegt und dauerhaft gesichert werden.

2. Bauausführung

Angesichts der drohenden Klimakatastrophe fordert, pro grün das neue Stadtquartier auf dem Gelände der Barker Kaserne so klimafreundlich wie möglich auszubauen. Dabei ist Errichtung, Betrieb und Nutzung der Gebäude von entscheidender Bedeutung, denn der Gebäudesektor trägt mit 40 % einen großen Anteil bei zu den jährlich in Deutschland anfallenden Treibhausgasen. Dies hat das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung in einer Studie, veröffentlicht im Dezember 2020, sektorengenau nachgewiesen. Ein Viertel der 40 % fallen an bei der Errichtung, drei Viertel bei Betrieb und Nutzung der Gebäude (BBSR 17/20).

Daher fordern die Architects for Future mit Recht: Ohne Bauwende gibt es keine Klimawende.

Was bei der Bebauung der neuen Baugebiete Springbachhöfe und Alanbrooke noch nicht im Blickpunkt stand, könnte/müsste jetzt bei der Planung für das Barker Areal in den Fokus gestellt werden.  Wenn Paderborn dem eigenen Anspruch eines Modells von europaweiter Bedeutung in dem neuen Quartier gerecht werden will, dann soll sie die Chance ergreifen in diesem neuen Stadtteil bereits jetzt und nicht erst 2030 oder gar 2050 wirklich klimaneutrale Gebäude zu errichten und zu nutzen. Solche Gebäude wären bereits bei ihrer Errichtung zukunftssicher und brauchten nicht in einigen Jahren energetisch saniert zu werden um den dann geltenden energetischen Anforderungen zu genügen.

Soll das Ziel der Errichtung einer klimaneutralen Stadt erreicht werden, müsste versucht werden auch den Altbaubestand zu erhalten und damit die darin enthaltene „graue Energie“ weiter zu nutzen statt sie klimaschädlich erneut produzieren zu müssen.

Wir müssen auf dem ehemaligen Kasernengelände ein Stadtviertel bauen, dessen Bau erst in einigen Jahrzehnten abgeschlossen sein wird. Dann wird die Weltbevölkerung von derzeit 7,6 Milliarden auf 10 Milliarden Menschen (in 2050) angewachsen sein. Auch für diese Menschen, unsere Kinder und Enkel, müssen global noch alle lebensnotwendigen Ressourcen verfügbar sein.

2.1 Holz statt Beton

Wir müssen Beton durch Holz ersetzen und dabei den Passivhaus-Plus Standard im gesamten neuen Stadtquartier modellhaft umsetzen, fordert pro grün. Damit würde Paderborn ein starkes Zeichen für den Klimaschutz setzen, ein Zeichen, das weit über unsere Region hinaus strahlt und ein wichtiger Schritt in Richtung klimaneutraler Kommune wäre.

Ein Kernstück der pro grün Forderung ist die Verwendung von Holz bei allen neu zu errichtenden Gebäuden im Barker Quartier. Nachhaltig produziertes Holz kann den klimaschädlichen Baustoff Zement, dessen Produktion nach einer WWF Studie von 2019 weltweit mit 8 %, in Deutschland mit 2 % zum  CO2-Ausstoß beiträgt, zumindest zu großen Teilen ersetzen; gleichzeitig bindet es über lange Zeiträume den Kohlenstoff der Luftschadstoffe.

„Holz ist der neue Beton!“ sagte der niederländische Stadtplaner Bart Brands bei seiner Präsentation in der öffentlichen Auftaktveranstaltung und der Spiegel titelte vor Monaten: Beton ist der heimliche Klimakiller und damit lieferte er die Begründung für diesen Satz. Daher müssen wir ihn überall dort ersetzen, wo das technisch möglich und wo eine ausreichende Verfügbarkeit gegeben ist.

Der Berliner Architekt Matthias Sauerbruch nennt Holz den Baustoff des 21. Jahrhunderts (Ausstellungskatalog, Berlin, urbainable stadthaltig, Akademie der Künste 2020, S. 165) und Hans Joachim Schellhuber/Marc Weisgerber sprechen von Städten, die zu „gebauten Wäldern“ würden; sie würden nicht nur Kohlenstoff speichern sondern zugleich auch den hohen Energie- und Emissionsbedarf der Stahlbetonproduktion vermeiden (ebenda. S. 44).

Dank seiner hervorragenden Eigenschaften findet Holzbau längst nicht mehr vorwiegend im kleinmaßstäblichen Haus- und Innenausbau statt, sondern wird zunehmend auch für den mehrgeschossigen und kommunal geförderten Wohnungsbau zum Standard. So wurden in München auf einem ehemaligen Kasernengelände 600 Wohnungen in Holzbauweise erstellt. In Berlin entsteht auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens Tegel das Schumacher Quartier, das mit mehr als 5.000 Wohnungen größte Holzbau-Wohnquartier weltweit.

Digitalisierung, Automatisierung und Standardisierung sind der Schlüssel dafür, dass mit Holzkonstruktion nicht nur klimafreundlicher und deutlich schneller, sondern auch 20-25 % günstiger gebaut werden kann als bei konventioneller Bauweise. Gleichzeitig werden 80 % klimaschädlicher Emissionen eingespart.

Warum sollte nicht auch in Paderborn ein „Holzbau-Leuchtturmprojekt“ realisiert werden? Das Holz liegt in Paderborn quasi „vor der Tür“. Wertvolles Bauholz, das durch Borkenkäferbefall in großen Mengen anfällt, wird derzeit nach Asien verschifft und könnte wesentlich umweltfreundlicher im Paderborner Bausektor Verwendung finden.

2.2 Bauausführung im Passivhausstandard Plus

pro grün verbindet die Forderung nach Holzbau im Barker Quartier mit der Forderung, diese Häuser im Passivhaus-Plus Standard zu errichten.

Folgt man dem Sonderbericht des Weltklimarats (IPCC) vom Herbst 2018 müssen wir noch mehr CO2 einsparen, als bisher geplant, um die Klimakatastrophe abzuwenden, zumindest sie abzuschwächen.

Zusätzlich zu dem Einsatz von Holz für die Tragestruktur ist – weil noch effektiver– die Umsetzung eines Passivhaus-Plus Standards im Neubaubereich. Denn dadurch wird nicht nur der Ausstoß von Treibhausgasen bei Betrieb und Nutzung von Gebäuden über deren gesamte Lebensdauer klimaneutral oder gar klimapositiv vermindert sondern auch Einsatz und Erzeugung erneuerbarer Energien nachhaltig  optimiert (Reduktion der maximalen Heizlasten, Minimierung des Energiespeicherbedarfs, Resilienz gegen Dunkelflauten, grundflächeneffiziente Bereitstellung und effiziente Nutzung regenerativer Energien).

Hinweise auf interessante Links siehe unterhalb des Beitrags *1

2.3 Erhalt und passivhaus-gerechte Modernisierung des Altbaubestandes

Erfreulich und in ihrem Verständnis zukunftsweisend ist die Forderung aller drei Planungsbüros auf Erhalt von Bestandsgebäuden wie den Mannschaftsquartieren.

Pro Grün erwartet, dass Bauverwaltung und Politik den Anregungen der Planungsbüros folgt und wie etwa das dänische Büro Adept sich mit dem Erhalt der Gebäude und deren Umnutzung anfreundet. Aus Klimaschutzgründen sollte versucht werden, die in den Gebäuden steckende graue Energie weiter zu nutzen statt sie neu erzeugen zu müssen.

Adept spricht bei der Erhaltung der alten Gebäudesubstanz von neuesten Energiestandards und verwendet dabei den Begriff „smart“.

Hier ist leicht der Bogen zu schlagen zu einem Passivhaus Standard durch eine entsprechende auch energetische Sanierung des Altbaubestandes im Zuge der Weiter- und Umnutzung der Gebäudekörper, die sich bei der einfachen kubischen Struktur der Mannschaftsquartiere anbietet. Wie die Erfahrung zeigt, können derartig kompakte Bestandsgebäude trotz  suboptimaler Ausrichtung in effizienter Weise sogar auf Passivhaus bzw. Passivhaus-Plus-Neubaustandard saniert werden, sollten aber mindestens den Passivhaus-Altbaustandard „EnerPHIT“ oder „EnerPHIT-Plus“ erreichen.

Hinweise auf interessante Links siehe unterhalb des Beitrags *2

Wenn die Planungsbüros von einer anzustrebenden gewerblichen Produktion vor Ort sprechen, die das herstellen, was in dem Quartier auch genutzt werden kann, dann bietet sich bei dem Bau von Holzhäusern mit Innenausbau, Tragestruktur und Verkleidung  die Ansiedlung entsprechender Gewerbe an, angefangen bei einem Sägewerk vor Ort, über Zimmereibetriebe bis zu Schreinereien. Auch hierbei könnte man sich möglicherweise die Weiter- bzw. Umnutzung vorhandener Gebäude vorstellen.

2.4 Regen- und Brauchwasser vor Ort nutzen

Eine nachhaltige Wasserbewirtschaftung vor Ort fordern alle drei Planungsbüros sehr zu Recht. So verlangt Cityförster z. B. das Wasser solle vor Ort im Kreislauf gehalten werden und Julian Petrin sagte in seiner Einführung bei der Auftaktveranstaltung, Nachhaltigkeit und Klimaschutz gehörten zusammen, lokale Kreisläufe müssten unterstützt werden.

Wir müssen uns auch in Paderborn mit den Realitäten des Klimawandels vertraut machen und zur Kenntnis nehmen, dass wir seit mehr als zehn Jahren mit einem Niederschlagsdefizit von über 15 % leben müssen und daher entsprechend absinkende Grundwasserstände in unserer Region messen müssen; zudem kommt ein Teil der geringeren Niederschläge in Form von Starkregenfällen herunter, die Sturzfluten zur Folge haben, die oberflächig abfließen und nicht der Grundwasserneubildung zu Gute kommen.

Die Chance der Überplanung eines ganzen Stadtviertels von dieser Größenordnung gibt der Stadt die Möglichkeit, das Trink-, Regen- und Abwassersystem auf eine nachhaltige Bewirtschaftung auszurichten und mit der gefährdeten Ressource Grund- und Trinkwasser sparsamer umzugehen und nicht länger von der Substanz zu leben durch das Erbohren tieferer Brunnen, wie es bisher die gängige Praxis der Paderborner Wasserwerke ist.

Durch Nutzung des Brauchwassers von Geschirrspüler, Waschmaschine, Dusche etc. für die Toilettenspülung ließe sich Trinkwasser in erheblichen Mengen einsparen; zudem könnte die Wärmeenergie, die in dem heißen Dusch-, Spül- und Waschmaschinenwasser gespeichert ist, extrapoliert und genutzt werden. Das Regenwasserableitungssystem könnte gänzlich entfallen, da das Regenwasser entweder vor Ort im Karst direkt versickern könnte – besser noch – nach Verdichtung des verkarsteten Untergrunds mit tonigem Material in offenen Wasserflächen, kleinen Seen, erhalten bleiben.

Wenn das Abwasser vor Ort im Kreislauf gehalten werden soll, müsste es gereinigt, geklärt und damit recycled werden. Für das Toilettenwasser wäre das nicht möglich, es sei denn man würde zu einem Trockentoilettensystem übergehen, wie es bei Agenda Prozess in Paderborn seinerzeit diskutiert und vorgestellt wurde, bei uns im Großmaßstab aber noch nicht eingeführt worden ist. Im gewerblichen und industriellen Bereich gibt es Beispiele für die Wiederverwendung von „gebrauchtem“ Wasser, wie es Greenpeace etwa schon vor Jahrzehnten gefordert hat.

Ansätze zu einem solchen neuen, auf Nachhaltigkeit ausgerichteten Konzept im Wasserbereich deuteten sich in Äußerungen der Planungsbüros cityförster aus Hannover und Adept aus Kopenhagen an. Adept sprach von geschlossenen Wasserkreisläufen und cityförster forderte, dass das „Wasser vor Ort im geschlossenen Kreislauf gehalten werden“ sollte und Karres Brands vom niederländischen Planungsbüro sprach von „Nature Based Solutions“ und cityförster wollte zudem „mit Wasser einen spannenden Ort gestalten“. Die auswärtigen Planungsbüros versprechen für das Zukunftsquartier Barker bei der Konkretisierung ihrer Konzepte interessante und nachhaltige Vorstellungen zu entwickeln. Weitere Gedanken hierzu finden sich auf der pro grün Homepage in dem Bericht zum Tag des Wassers 2021 – „Valuing Water“. (siehe Link auf diesen Seiten:  Tag des Wassers 2021: Wie sieht es in Zukunft mit unserem Trinkwasser aus? )

3. Zukunftsgerechte Mobilität auf dem Barker Areal

Mobilität ist nur dann zukunftsgerecht, wenn sie –wie die vorangegangenen Aspekte auch –nachhaltig und klimaneutral gestaltet wird. Anders als in den Bereichen, in denen sich die Initiative für Radfahrende in Paderborn als Arbeitsgruppe von pro Grün immer wieder mit 8 rückwärts gewandten Konzepten auseinandersetzen musste und weiterhin muss, kann das Thema Mobilität im Barker Areal von Grund auf so angegangen werden, dass das Areal eine Vorbildwirkung für die ohnehin längst fällige Verkehrswende in Paderborn entfaltet. Klimaschutz und Verkehrssicherheit (Vision Zero) erhalten höchste Priorität. Wir erhoffen uns, dass diese Vorbildwirkung auch das fällige Umdenken – weg von der autogerechten hin zur menschengerechten Stadt – voranbringt. Daran orientieren sich beispielhaft die nachfolgenden Anregungen und Forderungen.

3.1 Autofreies Quartier

Die Planung des Barker Areals bietet für Paderborn erstmals die Möglichkeit, ein autofreies Quartier zu gestalten. Es gibt dafür europaweit Beispiele, auf die in der weiteren Planung zurückgegriffen werden kann.

Autofrei heißt: Die Verkehrspolitik zielt darauf ab, dass alle den Verzicht auf ein privates Auto als Gewinn wahrnehmen. Die gesamte Infrastruktur schafft dafür die Voraussetzungen, alle genannten Maßnahmen und Ziele sind darauf abgestimmt – Leitsatz: Das Wohngebiet gehört den Menschen, den Kindern, den Familien, Fußgängern und Radfahrern.

  • Parkflächen an der Peripherie entbinden Autofahrer von der lästigen Parkplatzsuche. Die Zahl der Parkplätze im Quartier selbst sollte auf ein Minimum reduziert und ihre Vergabe transparent bewirtschaftet werden.
  • Im Inneren des Areals gilt: Verkehrspolitik richtet sich an den schwächsten Verkehrsteilnehmern aus.
  • Fuß-und Radverkehr finden eine Infrastruktur vor, in der kurze Wege und maximale Sicherheit oberste Priorität haben.
  • Die Aufenthaltsqualität geht vor Geschwindigkeit: keine schnurgeraden Straßen, sondern extensive Nutzung von verkehrsberuhigten Bereichen mit vielen Bäumen und starker Begrünung der Bereiche.
  • Ausnahmen für die Benutzung von Kfz werden zugeschnitten auf ÖPNV, Rettungsfahrzeuge, Lieferfahrzeuge, Taxi, mobilitätseingeschränkte Anwohner, die auf ein Auto ange-wiesen sind, auf Be- und Entladen in unmittelbarer Wohnungsnähe. Bei all diesen Verkehrsarten wird umweltverträgliche Motorisierung gefördert.
  • Die Anlieferung erfolgt von Stützpunkten (sog. Hubs) an der Peripherie aus mit Lastenfahrrädern und Elektro-Lieferwagen. Davon würden Einzelhandel und andere Gewerbetreibende, Handwerksbetriebe usw. profitieren, weil der Kundenkontakt enger gestaltet werden kann als in konventionellen Stadtzentren.
  • Im gesamten Quartier gilt grundsätzlich Schrittgeschwindigkeit. Ausnahmen bis Tempo 30 gibt es für Radschnellwege und für wenige nur von Kfz befahrenen Strecken.
  • Alle Einfallstraßen für motorisierten Individualverkehr sind Sackgassen, damit es nicht zu Durchfahrten auf „Schleichwegen“ kommt.

3.2 Verkehrliche Anbindung an die Umgebung und an das Stadtzentrum

Um das Areal herum führt eine Ringstraße, die nicht – wie bisher üblich – als eine Art Stadtautobahn wahrgenommen wird, sondern den Regeln innerhalb des Quartiers angepasst wird (Tempo 30). Sie könnte evtl. als Einbahnstraße ausgeführt werden und wichtige Impulse und Erfahrungen liefern für eine neue Verkehrspolitik in ganz Paderborn und darüber hinaus. Das gesamte Areal wird nach außen erschlossen

  • mittels gut ausgebautem ÖPNV von mehreren Stellen im Quartier aus für die Wege in die Innenstadt,
  • durch Anbindung an die Bahnstrecke, damit auch Regionalverkehr ohne Auto auskommen kann, sowie Radschnellweg vom Bahnhof ins Stadtzentrum,
  • durch Fußwege und RadSCHNELLwege, ohne Umwege und mit möglichst geringen Berührungspunkten zum motorisierten Individualverkehr, in die anderen Stadtviertel, für Behördenwege und zum Einkaufen, letztere auch und besonders auf die zunehmende Zahl von Lastenfahrrädern zugeschnitten. Wege zu Schulen und Kindergärten in anderen Stadtvierteln müssen mit Fahrrad und zu Fuß bewältigt werden können, ohne sich mit motorisiertem Verkehr zu kreuzen.

3.3 Verknüpfung mit der Energiepolitik

Mobilität und die dazugehörige Infrastruktur müssen in die energiepolitisch relevanten übrigen Themen eingebettet und damit in Analogie zu den Höchststandards beim Bauen so gestaltet werden, dass sie auch zukünftigen technischen und organisatorischen Fortschritten hin zu mehr Umweltfreundlichkeit gewachsen sind: alternative Antriebe, Elektro-Zapfsäulen an der Peripherie des Quartiers, autonomes Fahren, Car Sharing, u.v.a.m. – darunter womöglich Entwicklungen, an die wir heute noch gar nicht denken. So könnte z.B. der Strom für die in das Quartier fahrenden Elektrofahrzeuge auch im Quartier erzeugt werden, und zwar umweltfreundlich (Photovoltaik).

Von den drei in der Präsentation am 31.03.21 vorgestellten Ansätzen scheint das Konzept Cityförster, Karres en Brands den oben beschriebenen Merkmalen auf den ersten Blick am meisten entgegen zu kommen; da aber in allen dreien noch sehr viel Spielräume aufgezeigt wurden, steht der Realisierung unserer Vorstellungen und Forderungen in keinem der Konzepte etwas entgegen. Vieles hängt davon ab, dass alle Beteiligten sich des selbst gesetzten Anspruches bewusst sind und danach handeln: dass das Barker Areal Europas innovativster Stadtteil werden soll.

Wir meinen, dass mit diesen pro grün Vorschlägen zu den Themenbereichen Freiraum, Bau und Mobilität ein wirklich innovativer Stadtteil mit Modellcharakter entstehen könnte, der den Herausforderungen der Klimakrise, der Digitalisierung, der Mobilitätswende und des demographischen Wandels gerecht wird, und der weit über die Region hinaus ein starkes Signal für den Klima-und Umweltschutz und für menschenfreundliches Bauen und Wohnen setzen könnte.

Mit freundlichen Grüßen

Dieter Dubisch, Matthias Reiche, Fritz Buhr


INTERESSANTE LINKS, Extern:

*1 Informationen hierzu finden sich im internationalen Wissenslexikon passipedia (www.passipedia.org bzw. www.passipedia.de) sowie der Homepage des Paderborner Nachhaltigkeits- und Passivhaus-Experten Dr. Bernd Steinmüller (www.bsmc.de) sowie auf der Homepage von pro grün (mehrkosten-oder-wirtschaftlichkeit-durch-kompensation-von-folgekosten-passivhausbauweise-im-faktencheck).

*2 www.bsmc.de, www.passipedia.de mit weltweiten Beispielen in: passivehouse-database.org

*3 Link auf diesen Seiten: Tag des Wassers 2021: Wie sieht es in Zukunft mit unserem Trinkwasser aus? 

Weiterführender Interessanter Link außerdem: Bericht von Hans-Joachim Schellnhuber in der FAZ „Bauhaus für die Erde“ FAZ – Bauhaus für die Erde

 


pro grün e.V. Paderborn, die Redaktion